Irgendwie wiederholt sich in Wolfsburg gerade wieder ein Stück Geschichte. Als Volkswagen vor 45 Jahren den ersten Golf zu den Händlern rollte, befand sich der Konzern in einer tiefen Krise. Das viel zu lange Festhalten am Technik-Fossil Käfer hatte das Unternehmen, das wie kein anderes das deutsche Wirtschaftswunder verkörperte, in eine wirtschaftliche Schieflage gebracht, und so lagen alle Hoffnungen auf dem neuen Modell. Frontantrieb und große Heckklappe gepaart mit der Zuverlässigkeit des Käfers erwiesen sich bald als Erfolgsformel, und der Golf schuf bald ein eigenständiges Segment – die Golf-Klasse beherrscht bis heute die deutsche Zulassungsstatistik.

Mit 35 Millionen verkauften Modellen ist der Golf unangefochten das meistverkaufte Modell des Konzerns, und das soll und muss so bleiben. Dass der inzwischen längst vergessene französische Hersteller Simca mit seinem Modell 1100 damals unbeabsichtigt die Vorlage für den vom italienischen Stardesigner Giugiaro entworfenen Bestseller geliefert hatte, ist dabei nur eine Randnotiz.

Nun geht der Golf 8 an den Start, und wieder sind die Erwartungen groß. Der Konzern, vom Dieselbetrug und Klagen unzufriedener Kunden sowie Strafzahlungen gebeutelt, steht wie die gesamte Industrie vor einer bedeutenden Weichenstellung, und dabei spielt der Golf 8 eine entscheidende Rolle. Damit die Vision einer elektrischen Zukunft von Volkswagen-Vorstandschef Herbert Diess Wirklichkeit wird, muss der jüngste Golf – von Anfang Dezember an bei den deutschen und österreichischen Händlern – einen Kapitalbeitrag einspielen, um den radikalen Kurswechsel zu finanzieren.

Und wohl auch deshalb gestaltete Volkswagen die Präsentation des Hoffnungsträgers in Wolfsburg nicht als nüchterne Vorstellung, sondern als Gala-Showevent und brachte jede Menge Prominenz auf die Bühne am Mittellandkanal. Von Sänger Peter Maffay, der nur redete und nicht sang, über die Schauspieler Christian Berkel, Andrea Sawatzki und Max von Thun bis zu Bundestrainer Jogi Löw (der sich am nächsten Morgen in einem Volvo XC90 zum Bahnhof fahren ließ) sowie Fußballerinnen des VfL Wolfsburg erzählten alle Geladenen begeistert über ihre Erlebnisse mit ihrem Golf. Angesichts dieser massiven Promidichte kannte die Begeisterung der geladenen Gäste aus 20 Ländern keine Grenzen. Und da stand der neue Golf noch nicht einmal auf der Bühne.

„Die Präsentation des Golf 8 ist“, so Volkswagen-Chef Herbert Diess ungewollt doppeldeutig, „ein sehr spezielles Ereignis“. Mit der achten Generation „begibt sich der Golf nun in die digitale Gesellschaft und rollt als Tablet auf Rädern zu den Kunden“. Gleichzeitig kommt das neue Modell mit allen aktuellen Antriebsoptionen auf den Markt. Hybridtechnik, Erdgasantrieb und – ja wirklich – auch Dieseloptionen stehen in der Angebotspalette. Allerdings fehlt eine batterieelektrische Variante. Diesen Antrieb bringt Volkswagen erst im neuen Elektromodell ID 3 in der zweiten Jahreshälfte 2020 auf den Markt.

Und dann war es endlich so weit – der neue Golf rollt auf die Bühne und aus dem Plug-in-Hybridmodell entsteigt Fußball-Bundestrainer Jogi Löw und ist natürlich begeistert von den „dynamischen Linien“ des Viertürers, mit dem er bereits eine kleine Ausfahrt rund um Wolfsburg machen durfte. Schließlich hat Volkswagen Mercedes als Sponsor des deutschen Fußballs abgelöst.

Das Design der achten Golf-Generation ist wie von Volkswagen gewohnt, eine Weiterentwicklung der mit dem Golf 2 eingeführten Formensprache. Auch dieser Golf ist auf Anhieb als Golf zu erkennen, und nichts anderes wollte die Wolfsburger Kreativabteilung erreichen. Damit liegt sie vermutlich auf der Linie ihrer Kundschaft. Die neue Silhouette ist nun etwas gestreckter, und dank des flacheren Dachs wirkt der jüngste Golfableger in der Tat sportlicher und schnittiger als seine Vorgänger. Die wahren Veränderungen spielen sich allerdings im Inneren ab – dort spendierten die Volkswagen-Entwickler dem Auto ein vollkommen neues Bedienkonzept, das ganz dem digitalen Alltag der „Generation Golf“ entspricht.

An diesem Abend wagte natürlich niemand zu fragen, ob die achte Golf-Generation die letzte des Bestsellers ist. Das hätte die euphorische Stimmung dann doch zu sehr gestört. (ampnet/ww)

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