Chronologie einer Rekordfahrt

Ein kühler Frühjahrsabend. Nürburgring-Nordschleife. Immerhin liegen die Temperaturen schon im zweistelligen Bereich. Warmgefahren wartet er knisternd in der Boxengasse. Der neue Golf GTI Clubsport S. 228 kW / 310 PS. Countdown. Es gilt, Geschichte zu schreiben. Heute. Mit dem schnellsten frontgetriebenen Serienfahrzeug, das jemals über die legendärste aller Rennstrecken pflügte. Ein Rekordversuch!

Benjamin Leuchter (28), Rennfahrer und Instruktor der Volkswagen Driving Experience, prüft ein letztes Mal den Luftdruck der serienmäßigen 19-Zoll-Semi-Slicks. 1,9 bar vorn, 2,15 hinten. Die 235/35er Michelin-Reifen sind „angefahren“, wie der Motor auf Temperatur. Leuchter setzt den Helm auf, gibt Karsten Schebsdat ein Handzeichen: „Bin bereit“. Schebsdat ist Leiter der Volkswagen Fahrwerkabstimmung, gehört zum Team, das den 265 km/h schnellen Golf GTI Clubsport S entwickelt hat. Leidenschaftliche Volkswagen Leute aus der Entwicklung, dem Marketing, der Kommunikation. GTI-Fans. Monate haben sie mit diesem Wagen verbracht. Ihn als sportliches Juwel aus dem „normalen“ GTI Clubsport und dem Golf GTI TCR der Tourenwagenmeisterschaft herausgeschliffen. Jetzt wollen sie wissen, was ihr Baby draufhat. Wie schnell dieser GTI auf der anspruchsvollsten Rennstrecke der Welt unterwegs sein kann. Schebsdat klopft Leuchter auf den Helm. Der startet den Wagen, aktiviert in der Fahrprofilauswahl den Modus „Individual“ und damit das Nürburgring-Nordschleifen-Setting. Spezielle Kennlinien für den Motor, die Lenkung und die adaptive Fahrwerksregelung DCC . Auf der Nordschleife gibt es eine einzigartige Kombination aus Kurven und Bodenwellen. „Um hier den Rekord zu brechen, muss der GTI schnell in den Kurven sein und gleichzeitig Bodenwellen und Sprünge meistern“, erklärt Leuchter beim Schließen der Fahrertür. Der Clubsport S ist darauf spezialisiert. Zeitmessung per Lichtschranke. Leuchter fährt aus der Boxengasse. Eine Runde. 20,832 Kilometer. Fliegender Start. Die Zeit läuft.

Der Clubsport S donnert hinein in das Hatzenbachgeschlängel. 4. Gang. „Das Auto muss die Curbs sauber schlucken“, ruft Leuchter via Bordfunk. „Wir ha­ben extremen Wert daraufgelegt, dass der GTI auch auf den Curbs stabil ist“, erläutert Schebsdat in der Boxengasse mit einem Blick auf die Stoppuhr.

Der Clubsport S fliegt in den Bereich Hocheichen. 4. Gang, bis knapp über 190 km/h. Voll raus, längeres Stück geradeaus, runter zur Quiddelbacher Höhe, dann Flugplatz. Doppelte Rechtskurve, sehr schnell. 5. Gang; der reicht bis 216 km/h. Bordfunk: „Darauf achten, dass man früh wieder am Gas ist, denn jetzt geht es in Richtung Schwedenkreuz.“ Leuchter bleibt auf der Ideallinie. „Hochschalten in den 6. Gang.“ Mit fast 240 km/h fliegt der Clubsport S über die Sprungkuppe am Schwedenkreuz. „Das Auto schluckt das alles super, federt aus und setzt sich sofort wieder. Zurück in den 5. Gang. Backfire aus der Abgasanlage. Jetzt links ins Schwedenkreuz. Anbremsen. 3. Gang. Aremberg und ab in die Fuchsröhre. Leuchter: „Das geht alles Vollgas. Man ist sehr schnell. Aber am Eingang der Fuchsröhre muss der Wagen perfekt ausgerichtet werden“. Der GTI erreicht den Adenauer Forst. Richtung Metzgesfeld. Schnelle Linkskurve. Da der GTI deutlichen Abtrieb hat, bleibt er auf Rekordkurs. Kallenhard. „Man kann den GTI dort im letzten Moment zusammenbremsen, und doch bleibt er voll lenkbar“, wird Leuchter später berichten. Und weiter: „Man hat Vertrauen ins Auto. Auch auf Bodenwellen. Das ist auf der Nordschleife wichtig, um wirklich schnell zu sein.“

Wehrseifen. Fast Halbzeit nach rund 9 Kilometern. 3. Gang. Breitscheid. Ex-Mühle. Eine schnelle Bergauf-Rechts. Leuchter holt jene Zehntel die man braucht, um schneller als alle anderen zu sein: „Normalerweise untersteuert ein Fronttriebler hier. Der GTI Clubsport S zeigt das nur ganz leicht am Eingang; mit einem kleinen Lastwechsel ist das sofort kompensiert. Ex-Mühle ist zudem wellig. Der Golf macht das super. Genau wie im Bergwerk.“ Raus Richtung Kesselchen. Kilometer 12. Der GTI bügelt die Bodenwellen und Curbs weg, verspringt dabei keinen Millimeter. Kilometer 13. Steilstrecke.

3. Gang. 27 Prozent Steigung. Das Karussell. Leuchter: „Betonplatten, sehr wellig, der GTI versetzt auch hier nicht.“ Hohe Acht. Jetzt wird die Eifel alpin und die Nordschleife immer anspruchsvoller. Leuchters Lieblingspassage: „Jeder Meter von der Hohen Acht runter bis zum Bereich Brünnchen fordert Auto und Fahrer. Beispiel Wippermann: Da geht es sehr schnell rein. Links die Curbs leicht berühren, rechts dann voll drüber. Und auch dabei bleibt dieser GTI spurstabil. Das ist der Schlüssel für eine wirklich schnelle Runde.“ Schlussspurt. Pflanzgarten, die zweite Sprungkuppe. Der GTI hebt kurz ab, setzt sich, lässt sich sehr schnell durch die folgende Doppelrechts fahren. Leuchter: „Auch, wenn er ausgefedert ist, folgt der GTI der Lenkvorgabe.“ Kilometer 17, das Stefan-Bellof-S – Bellof fuhr ihn auf der Nordschleife, den Rekord für die Ewigkeit. Im Porsche 956.007. 650 PS. Leuchter folgt Bellof mit 340 PS weniger aber demselben Esprit. Schwalbenschwanz, Galgenkopf: „Der Galgenkopf ist für eine schnelle Runde mitentscheidend. Wenn ich da mit hoher Geschwindigkeit herausfahren kann, erreiche ich auf der Döttinger Höhe mehr als 250 km/h.“ Sekunden später pfeilt der Golf GTI Clubsport S durch die Lichtschranke. 07:49,21 Minuten. Nie zuvor hat ein frontgetriebenes Serienfahrzeug die Nordschleife schneller absolviert.

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